Nänie - Eine Gedichtanalyse

Das [...] Gedicht "Nänie" (veröffentlicht 1800) ist ein Werk Friedrichs Schillers und befasst sich mit dem Vergehen des Schönen. Es ist zur Zeit der Hochklassik verfasst worden und orientiert sich sowohl in Inhalt als auch in Form an der griechischen Antike.

Als Form hat Schiller hier das strenge Sonett gewählt, das der klassischen Vorstellung von Harmonie, Maß und Vollendung besonders entspricht. Hierbei umfassen die ersten beiden Strophen à vier Verse und damit der größte Teil des Gedichtes die These, die dritte Strophe (V.9-11) die Antithese und die letzte Strophe (V.12-14) die Synthese. Dies findet auch eine inhaltliche Entsprechung, denn während sich die ersten beiden Strophen den Tod des Schönen darstellen, gehen die letzten beiden eher auf die Klage um denselben ein.

Auch am Reimschema bzw. am Metrum erkennt man die Beispielhaftigkeit dieses Gedichts für die Klassik. Denn besonders hier orientiert sich Schiller am großen Ideal, der Antike, und entscheidet sich für Hexameter bzw. Pentameter als Metrum, wie auch schon z.B. Ovid, und verzichtet hierbei auf Reime. Außerdem ist der Titel selbst ebenfalls ein Bezug auf die Antike, denn "Nänie" ist altrömisch für Totenlied. Gerade in diesem Punkt aber findet sich eine erste Abweichung, denn, wie bereits erwähnt, wird nicht der Tod einer bestimmten Person betrauert, sondern der des Schönen selbst. Interessanterweise führt Schiller drei antike Beispiele als Versinnbildlichung dieser an, erwähnt jedoch bewusst nicht ihre Namen, um den Begriff des Schönen abstrakt zu halten.

In der ersten Strophe nennt Schiller gleich als ersten Satz, als Ausruf verstärkt, seine These: "Auch das Schöne muss sterben!" (V.1). Daraufhin nennt er sein erstes Beispiel für den Tod der Schönheit, wobei Schönheit hier in erster Linie die Liebe ist, wie man in V.3 erkennt: "Einmal nur erweicht die Liebe den Schattenbeherrscher". Angeführt wird hier die Geschichte von Orpheus und Eurydike, in der Orpheus seine verstorbene Frau aus dem Reich der Toten zurückholen möchte, dies jedoch misslingt. Beachtenswert ist hierbei, dass Schiller sich nicht genau an die mythologische Vorlage hält, in der Eurydike in der Unterwelt bleiben muss, weil Orpheus sich entgegen seiner Abmachung mit Hades nach hinten umdreht, sondern es so darstellt, als ob Hades, hier als stygischer Zeus benannt, sich im letzten Moment umentscheidet ("an der Schwelle [...] rief er zurück sein Geschenk", V.4).

Das zweite Beispiel findet in V.5-6 Erwähnung, in dem es nun um den Tod des Adonis und somit um die Versinnbildlichung der körperlichen Schönheit geht, die vor allem durch die Adjektive "schön" (V.5) und "zierlich[ ]" (V.6) betont wird. Dass die um den Adonis trauernde niemand anderes als Aphrodite, die Göttin der Schönheit, selbst ist, verleiht dem Leitmotiv hierbei noch zusätzlich an Gewicht.

Das dritte Beispiel beginnt wie bereits die beiden vorausgegangenen mit dem Wörtchen "nicht" (V.2, V.5, V.7). Dieses soll einerseits die Unumgänglichkeit des Todes des Schönen betonen, andererseits aber auch Teil der in der nächsten Strophe folgenden Antithese sein, die mit dem Wörtchen "aber" eingeleitet wird. Als finales Beispiel führt der Sprecher hier den Tod des Achill ein, bei dem das Schöne wohl vor allem in der Tugend und in der Tapferkeit liegt, durch das Nomen "Held" (V.7), sowie durch die Aussage, er erfülle sein Schicksal (vgl. V.8), vermittelt.

Geschickt gelingt Schiller hier der Übergang zum zweiten Abschnitt, wo er sich nun nicht mehr mit dem Tod, sondern mit der "Klage" (V.10) beschäftigt, jedoch durch die Weiterführung der Geschichte Achills einen Übergang schafft, denn in der darauffolgenden Strophe wird nun die Trauer um den gefallenen Helden thematisiert, vielfach durch Worte wie "Klage" (V.10), "Klaglied" (V.13) oder die zweifache Erwähnung von "weinen" (V.11) in den Mittelpunkt gerückt. Wie bereits erwähnt, findet sich hier aber auch die Antithese, die durch die Konjunktion "aber" eingeleitet, einen Hoffnungsschimmer im davor so düster gezeichneten Bilde der vergänglichen Schönheit erblicken lässt. Denn, so der Sprecher, vergehe das Schöne im Tode nicht vollkommen, da eben der Verlust derselben besungen werde. Und wenn "Götter" und "Göttinnen" (V.11) selbst diesen beweinen, so kann er nicht vollkommen bedeutungslos sein.

Gesteigert wird diese Aussage nochmals durch die Synthese in der letzten Strophe. Hier behauptet der Sprecher nämlich nicht nur, dass das Schöne nicht vollkommen vergehe, das wahrhaft Schöne lebe sogar weiterund zwar in der Kunst. Im Gegensatz hierzu steht das Gemeine, das klanglos in die Unterwelt (hier als Orkus bezeichnet) hinabgehe und somit in Vergessenheit versinke. Jemand aber, der so liebevoll sei wie Orpheus, so ansehnlich wie Adonis oder so tapfer wie Achill werde in der Kunst (hier in Form des Klageliedes) in Ehren gehalten werden.

Diese Ästhetisierung der Trauer ist mehr als typisch für die Klassik, wie zum Beispiel durch Winckelmann hinsichtlich der Laokoon-Gruppe, und somit ist es nicht verwunderlich, dass Schiller diese Schlussthese durch den Kontrast zu den ersten beiden Strophen hervorhebt und damit auch noch einmal einen Schwerpunkt auf die Bedeutung der Kunst legt. Da Schiller außerdem der Meinung ist, humanistische Bildung (eine zentrale Idee der Klassik) sei nur durch das Studieren der Künste zu erreichen, passt auch dieser Punkt in das paradigmatische Bild dieses Gedichtes für die Klassik bzw. die Antikenrezeption dieser Epoche. Nicht nur inhaltlich werden Mythen der Antike wieder aufgenommen, auch in der Form selbst orientiert sich Schiller an der Klassik und entspricht somit ganz Winckelmanns These, wahre Größe könne nur durch Nachahmung antiker Vorbilder erreicht werden. Aber auch für die Klassik an sich ist das Gedicht sehr typisch, die sich viel mit Themen wie Maß, Würde, Harmonie und eben auch dem Schönen auseinandersetzte.

Text: Olessja Michler; LK Deutsch, 3. Semester (Schuljahr 2015/16)

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