Von den Tücken der Kommunikation

Ein wichtiges Thema im Leistungskurs Deutsch des ersten Semesters sind Kommunikationsmodelle. In folgender Arbeit findet das Vier-Seiten-Modell von Schulz von Thun Anwendung bei einer Kurzgeschichte von Sibylle Berg:

Die Kurzgeschichte "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" (1997) von Sibylle Berg handelt von einer scheiternden Kommunikation, die auf eine gescheiterte Ehe zurückzuführen ist.

Das Ehepaar Vera und Helge sitzt in einer Sommernacht auf seinem Balkon. Die Frau Vera hat das Gefühl, dass sie etwas unternehmen müsste, um dieser Nacht gerecht zu werden und versucht nach einigem Zögern deswegen ein Gespräch mit ihrem Ehemann anzufangen. Sie weist ihn auf den schönen Abend hin, er jedoch reagiert nicht. Sie versucht es noch einmal, indem sie ihre Hand auf seine legt. Er reagiert nur mit einem lauten Atmen. Resigniert und beschämt steht Vera auf, geht in die Küche und ärgert sich über ihr Verhalten.

Gleich im ersten Satz wird klar, dass die Ehe eine gescheiterte ist, da die beiden zwar verheiratet sind, aber "eigentlich gar nicht [wissen], warum" (Z.1). Das gestörte Verhältnis macht sich das nächste Mal deutlich, als beschrieben wird, dass ihr Mann zwar neben ihr sitzt, aber trotzdem "tausend Gedanken entfernt" (Z.7) ist. Sie überwindet sich und spricht ihn an: ",Helge..' […] ,Ein schöner Abend'" (Z.12f.). Auf diese Nachricht lässt sich das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun gut anwenden. Die Nachricht, die vom Sender Vera ausgeht und an den Empfänger Helge adressiert ist, kann man auf mehreren Ebenen interpretieren: Zum einen enthält sie eine sachliche Information, darüber, dass der Abend schön sei, jedoch ist es sehr unwahrscheinlich, dass es Veras Absicht ist, ihrem Mann diese Information zu übermitteln. Viel interessanter sind hierbei die Ebenen der Selbstoffenbarung und des Appells. Denn mit diesem Satz gibt sie von sich selbst kund, dass sie sich durch das Schweigen unwohl fühlt oder ihr zumindest langweilig ist. Damit einher geht auch der Appell an Helge: Vera versucht mit dieser Aussage Einfluss auf ihren Mann zu nehmen und ihn dazu zu bewegen, ein Gespräch mit ihr zu beginnen.

Der Empfänger Helge scheint jedoch nur die Sachinformation zu verstehen, da er "stumm bleibt" (Z.14) oder er ignoriert absichtlich den Appell seiner Frau. Auch dadurch kommuniziert er, indem er klarmacht, dass er nicht an einem Gespräch interessiert ist.

Vera versucht es auf eine andere Weise noch einmal; sie legt ihre Hand auf seine. Derselbe Appell. Doch "Helges Hand bewegt sich nicht" (Z.17). Er "atmet laut" (Z.20), zeigt also wieder sein Desinteresse, was "Veras Hand" (Z.20), eine Metapher für Vera selbst, auch so interpretiert. Man könnte dieses laute Atmen sogar als einen Appell an sie verstehen, ihn in Ruhe zu lassen. Jedenfalls versteht Vera es so und entflieht deswegen der "peinliche[n]" (Z.19) Situation in die Küche.

Abschließend lässt sich sagen, dass Helge, der passive Kommunikationspartner, hier sein Ziel, nämlich in Ruhe gelassen zu werden, durchgesetzt hat.

Text: Carlou Kayser, LK Deutsch, 1. Semester (Schuljahr 2016/17)

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