In der Herderkirche von Weimar

Der Cranach-Altar in der Herderkirche von Weimar

Am zweiten Tag unseres Weimar-Aufenthalts besuchten wir die Herderkirche, die Stadtkirche St. Peter und Paul, im Herzen Weimars.

Herderkirche in Weimar

Ein Blickfang in der Kirche ist das große dreiflügelige Altarbild, das von Lucas Cranach dem Älteren kurz vor seinem Tod 1552/53 begonnen wurde und von seinem Sohn Lucas Cranach dem Jüngeren im Jahr 1555 vollendet wurde.

Cranachaltar in der Herderkirche

Der Mittelteil des Altars zeigt im Vordergrund fünf Personen: In der Mitte der gekreuzigte Christus, von einem weißen Lendentuch umhüllt. Links von ihm, nur in einen roten Umhang gehüllt, ist ebenfalls Jesus zu sehen, der auf einem Skelett und einem grünen Ungeheuer steht und diesem einen Speer in den Rachen stößt, ein Ausdruck des Sieges Christi über Tod und Teufel durch sein Sterben.
Rechts vom Gekreuzigten befinden sich drei Personen, Johannes der Täufer, Lukas Cranach der Ältere und Martin Luther, der theologische Urheber der Reformation. Auffallend ist der rote Blutstrahl, der von der Seitenwunde Christi direkt auf den Kopf Lukas Cranachs des Älteren trifft. Lukas Cranach der Jüngere fügte seinen Vater erst nachträglich in das Bild ein, dieser Blutstrahl soll den Grundgedanken des reformatorischen Glaubens ausdrücken:
"Allein aus Glauben erlangt der sündige Mensch durch Christus Jesus gnadensprechende Erlösung."
Zu den Füßen des Kreuzes ist das Lamm Gottes abgebildet, das die Sünden der Welt auf sich lädt und damit die Menschen von dem ewigen Tod befreit; es steht auf einer grünen Wiese mit kleinen Blumen, ein Zeichen des Frühlings. Der Frühling steht hier nicht für den Anfang eines neuen Jahres, sondern metaphorisch für den Anbruch einer neuen Zeit im Christentum, also die Zeit nach Martin Luthers Reformation.
Links hinter dem Kreuz ist ein Mann zu sehen, der nur mit einem weißen Tuch bedeckt, mit erhobenen Händen vor einem Skelett davonläuft. Diese Person soll Adam darstellen, der wegen des Sündenfalls aus dem Paradies vertrieben und damit sterblich wird, daher auch das Skelett und das Ungeheuer, die ihn verfolgen.
Auf der anderen Seite des Kreuzes auf gleicher Höhe ist eine Menschenmenge dargestellt. Im Vordergrund befindet sich Moses, der die in Steintafeln gemeißelten zehn Gebote trägt, die ihm Gott auf dem Berg Sinai verkündet hat.
Im Hintergrund rechts oben befinden sich drei Personen, die die Hände gefaltet zum Himmel aufschauen. Sie stellen die Hirten dar, denen die Engel die Geburt Christi verkündigen.

Ich finde es sehr beeindruckend, wie es Lukas Cranach der Ältere und Lukas Cranach der Jüngere, d.h.Vater und Sohn, gelungen ist, die wichtigsten Ereignisse der Bibel in einem Bild zu vereinen, das uns auch heute noch sehr anspricht.

Die Herderkirche wurde im zweiten Weltkrieg teilweise zerstört. Der Cranachaltar wurde nun erstmals renoviert und am 31. Oktober 2014 nach der Sanierung wieder enthüllt.

In der Herderkirche sind viele Adlige beerdigt, wie zum Beispiel auch Herzogin Anna Amalia. Außerdem diente sie als Tauf- und Traukirche der fürstlichen Familie und der bürgerlichen Oberschicht.

Besonders interessant finde ich daher, dass Goethe selbst, obwohl er als Geheimer Rat des Fürsten dem Hof angehörte, nicht in der Herderkirche geheiratet hat, sondern dies stattdessen in der viel schlichteren Jakobskirche tat. Goethe war zwar sein ganzes Leben lang Mitglied der Kirche, aber nicht sehr religiös, er fand seine Religion vielmehr in der Natur.

Außerdem wollte er sich nicht alles von der höfischen Etikette diktieren lassen. So ist es nicht verwunderlich, dass er seine spätere Frau Christiane Vulpius nicht, wie damals eigentlich üblich, vor der Geburt seines Sohnes August heiratete, sondern erst 19 Jahre später, im Jahr 1806. Die Hochzeit war sehr schlicht, sie fand in der Sakristei der Jakobskirche statt. Anwesend waren außer Goethe und Christiane nur ihr Sohn August und Goethes Privatsekretär und Vertrauter, Friedrich Wilhelm Riemer, als Trauzeugen. Eine pompöse Hochzeit in der Herderkirche wäre daher nicht nach Goethes Vorstellungen gewesen, da sich Goethe nicht unbedingt an religiöse oder gesellschaftliches Vorschriften hielt.

Text: Luise Fock, LK Deutsch, 3. Sem. (Schuljahr 2014/15)
Bilder: www.ek-weimar.de

Aktuelle Seite: Home Schulleben Jazzkooperative Deutsch Exkursionen In der Herderkirche von Weimar