Jazz-Bandleader im Interview

40 JazzNights, 22 Jahre Jazz-AG am Goethe-Gymnasium – ein Rückblick nicht ohne Ausblick:
Interview mit den Bandleitern anlässlich der 40. JazzNight

Die Jazz-AG am Goethe-Gymnasium bestreitet 2017 bereits die 40. JazzNight. Aus diesem Anlass blicken die vier Bandleiter der Jahre 1995-2017 in einem Interview gemeinsam auf die Entwicklung zurück.

Vorab ein kurzer Abriss über die Historie der Jazz-AG und der JazzNights am Goethe-Gymnasium:

Datum Ereignis
1995 Start der Jazz-AG und des Big Band-Angebots am Goethe-Gymnasium unter Leitung von Dr. Martin Burggaller
23.11.1995 1. JazzNight in der Aula des Goethe-Gymnasiums (mit der United Big Band [UBB] & "Special Guests")
1996 Aufbau der Nachwuchsbands: der C.O.M.B.O (Mittelstufe) ...
1999 … und der Junior Jazz Band [JJB] (Unterstufe) sowie der Band- und Bläserschule [BBS] (Anfänger in der 5. Klassenstufe – begleitend zum Erlernen der Instrumente)
1999 Wechsel von Dr. Burggaller an das Arndt-Gymnasium in Zehlendorf – Fortführung der Jazz AG in Kooperation mit dem Arndt-Gymnasium im Rahmen der "Jazz-Kooperative Berliner Schulen": gemeinsame schulübergreifende Oberstufenband United Big Band unter Leitung von Dr. Burggaller, parallele Mittel- und Unterstufenbands – am Goethe-Gymnasium unter der Leitung von Christian Fischer (C.O.M.B.O) und Stefan Büschelberger (Junior Jazz Band).
Fortsetzung der zweimal jährlich stattfindenden JazzNights am Goethe-Gymnasium mit allen drei Bands.
2004 Ausscheiden Stefan Büschelbergers, die Leitung der Junior Jazz Band übernimmt Stefan Kapitzke.
18.05.2005 1. „Open Air Big Band Meeting“ der Jazz-Kooperative Berliner Schulen, das seither jeden Sommer stattfindet (zunächst im Seebad Mahlow, seit 2013 im Kunstquartier Bethanien)
2005 Erste eigene Konzerte der Bands im Jazzkeller "Kunstfabrik Schlot", die seither jährlich stattfinden.
seit 2006 Ausbau der Konzerttätigkeit der Bands innerhalb (u.a. jährlich beim Schulfest, bei Einschulungen, öffentliche Proben im Rahmen des Tags der offenen Tür) und außerhalb der Schule (neben den Auftritten im "Schlot" und beim "Open Air Big Band Meeting" u.a. beim Berlin-Marathon, beim Halbmarathon, bei der "Kleinen Nachtmusik am Plantscher" (Neutempelhof), bei der Förderpreisverleihung des PLuS e.V. (Praktisches Lernen und Schule) im Roten Rathaus) sowie an Veranstaltungen im Arndt-Gymnasium;
Teilnahme an Wettbewerben (u.a. am Berliner Jazztreff und Orchestertreff);
jährliche Probenfahrt aller drei Bands gemeinsam zu Jahresbeginn.
Juli 2012 Fahrt der „United Big Band“ nach Madagaskar (mit Resonanz im TV und Würdigung durch Außenminister Steinmeier
Juli 2016 Erste CD der Jazz-AG ("Goethe goes Jazz", mit Studioaufnahmen im FEZ Berlin)

Das Interview mit den vier Bandleitern (im Bild die aktuellen Bandleiter Christian Fischer, C.O.M.B.O, Dr. Burggaller, United Big Band, und Stefan Kapitzke, Junior Big Band) führte Herr Semler (Vorsitzender der GEV) am 01. April 2017:

bandleader

Herr Dr. Burggaller, Sie gelten als der "Gründervater" der Jazz-AG am Goethe-Gymnasium im Jahre 1995. Wie kam es zur ersten JazzNight, wie kam es überhaupt zum Big Band Jazz am altsprachlichen Goethe-Gymnasium?

burggallerDr. Burggaller: Damals war ich als Referendar am Goethe-Gymnasium. Es gab hervorragende Musiker an der Schule, aber kaum Ensembles zum Musizieren. So entstand die Idee, eine Bigband ins Leben zu rufen. Da sich anfangs nicht genügend Schüler meldeten, öffnete ich das Angebot für die umliegenden Schulen. So wurde es von Beginn an eine "United" Big Band.

Welche Erinnerungen haben Sie sich noch an die allererste JazzNight, die am 23.November 1995 stattfand?

Dr. Burggaller: Bei der ersten JazzNight war das Programm eine "wilde Mischung", in die alle möglichen Aktivitäten und Personen einbezogen wurden. Neben der UBB traten der damals von mir gegründete Kollegiumschor, ein Musik-Grundkurs sowie auch eine kleine Gruppe von Jongleuren auf. In dem Musik-Grundkurs befand sich übrigens auch die Tochter der heutigen Schulleiterin, Frau Rupprecht. Und natürlich musste sich auch das Publikum mit zwei gemeinsam gesungenen Liedern engagieren. Es gab nur einen Abend, die Aula war völlig überfüllt und die Raumtemperatur so heiß, das alle Wände feucht waren.

Frage an die Herren Büschelberger (per E-Mail nach Madagaskar), Fischer und Kapitzke: Anders als Herr Dr. Burggaller kommen Sie nicht aus dem Schuldienst, sondern aus anderen Berufszweigen der Musik – als Tonmeister bzw. als vielgefragte professionelle Musiker, als die sie neben Ihrem eigenen musikalischen Wirken als Instrumentallehrer tätig sind. Wann und wie sind Sie zur Jazz-AG am Goethe-Gymnasium gekommen?

bueschelbergerBüschelberger: Ich habe mich seit 1998 auf das Tonmeisterstudium an der UdK vorbereitet und war in diesem Rahmen Schüler der Studienvorbereitenden Abteilung der Musikschule Wedding. Martin Burggaller war dort mein Klavierlehrer, und ich durfte im Jahr 1999 erstmals bei der jährlichen Probenfahrt als Coach mitfahren. Um diese Zeit war die C.O.M.B.O bereits ein gefestigtes Ensemble und der nächste logische Schritt war dann, eine "Unterstufenband" aufzubauen. Ich hatte das Glück, diese Junior Jazz Band dann einige Jahre leiten zu dürfen.

Fischer: Martin Burggaller hat mich im Herbst 1997 angesprochen, ob ich bei einem Konzert der UBB aushelfen könnte. Kurzerhand hat er mich gleich noch in einem Posaunen-Trio untergebracht, das am gleichen Abend spielen sollte. Es ging damals um die 4. JazzNight am Goethe-Gymnasium.

Kapitzke: Zur Zeit meines zweiten Staatsexamens als Musik- und Geschichtslehrer waren in Berlin die öffentlichen Kassen leer. Ein Einstellungsstopp für Lehrer wurde verhängt. So musste ich mich nach beruflichen Alternativen umschauen. Christian Fischer kannte ich schon lange vom gemeinsamen Musizieren in verschiedenen Bands. Er war damals bereits am Goethe-Gymnasium als Leiter der C.O.M.B.O. tätig und vermittelte mich für Probenvertretungen bei der JJB an den damaligen Leiter Stefan Büschelberger. Auch eine Probenfahrteilnahme als Instrumentalcoach stand dann bald an. Als mich 2004 Stefan Büschelberger fragte, ob ich seine Nachfolge antreten möchte, habe ich mich sehr gefreut und nicht lange überlegt.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre erste JazzNight?

Büschelberger: Wahrscheinlich war ich aufgeregter als alle Schüler zusammen. Und ich war beeindruckt, mit welcher Professionalität die gesamte Veranstaltung organisiert war, insbesondere von dem Engagement, mit dem die Schüler sich einbrachten.

fischerFischer: Das Konzert 1997 hat mich damals schwer beeindruckt. Ich studierte zu der Zeit „Jazz und Popularmusik“ und dachte eigentlich, das Musizieren an einer Schule mit meinem eigenen Abitur hinter mir gelassen zu haben. In meiner eigenen Schulzeit hatte ich das große Glück, an einzigartigen, musikalischen Projekten beteiligt gewesen zu sein, an die ich mich noch immer wahnsinnig gerne erinnere. Vor allem die beteiligten Lehrer haben mich mit ihrer unglaublichen Energie und Begeisterung für die Sache beeindruckt. Im Herbst 1997 war es dann ähnlich.

kapitzkeKapitzke: Die erste JazzNight dürfte ich 2003 miterlebt haben. Ich weiß noch gut, dass ich sehr beeindruckt war von der tollen, lockeren Atmosphäre und vor allem der musikalischen Qualität. Aus meiner eigenen Schulzeit war ich völlig andere Schulkonzerte gewohnt. Dies waren oft recht steife Präsentationen der größten Schultalente. Am Goethe-Gymnasium gab es unter Beteiligung vieler Schüler ein äußerst unterhaltsames und mitreißendes Programm. Die Bigband als ideales Ensemble zum gemeinsamen Musizieren vieler Schüler ist mir hier eigentlich zum ersten Mal an einer allgemeinbildenden Berliner Schule begegnet.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie mit den JazzNights eine lange Serie regelmäßig wiederkehrender Konzerte mit einem einheitlichen Konzept starten würden? 1996 gab es zum Beispiel eine bewusst anders bezeichnete "Show Night" am Goethe-Gymnasium. Gab es zu Beginn unterschiedliche Konzepte?

Dr. Burggaller: Von unterschiedlichen Konzepten würde ich nicht sprechen, eher von der Lust, verschiedene Dinge auszuprobieren. Die Schülerschaft des GG war sehr kreativ und künstlerisch vielseitig. Da bot es sich an, andere Formate wie eine "Show-Night", eine "Music-Night" oder auch eine "Musical-Night" anzubieten. Da die Bigbands sehr erfolgreich waren, haben wir schließlich mit den JazzNights weitergemacht.

Wie hat sich die Jazz-AG, haben sich die Big Bands zu ihrer heutigen Struktur entwickelt? Wann wurde zum Beispiel die C.O.M.B.O, wann die Junior Jazz Band in Ergänzung zur United Big Band gegründet, die schon die erste JazzNight bestritten hat?

Dr. Burgaller: Hier ist Dr. Peter Lohe sehr zu danken. Er war langjähriger, besonders prägender Schulleiter am Goethe-Gymnasium und von den musikalischen Aktivitäten absolut begeistert. Dr. Lohe wurde größter Fan der Bigbands, er unterstützte meine Aktivitäten in jeglicher Weise und gab mir das Gefühl, das Richtige zu tun. Er lud die UBB sogar zur Hochzeitsfeier seiner Tochter ein, was für uns eine große Ehre war. Und seine Begeisterung hält bis heute an. Erst vorletztes Jahr lud er das United Swingtett [Anm.: kleines Ensemble aus der UBB] zur musikalischen Umrahmung seiner Goldenen Hochzeit ein.
Vor der ersten JazzNight gab es bereits kleinere Auftritte der UBB im Goethe-Gymnasium und außerhalb. Schnell wurde klar, dass es eine Nachwuchsband geben musste. Denn musikalisch machte es wenig Sinn, fortgeschrittene Abiturienten mit Einsteigern der unteren Klassenstufen zusammen musizieren zu lassen. Außerdem hätte das Aussteigen der Abiturienten im jährlichen Rhythmus zum Zusammenbrechen der UBB geführt. Deshalb war es naheliegend, eine kleine Nachwuchsband zu gründen, der sich dann etwas später noch eine Einsteigerband für die ganz Neuen anschloss. Dieses Konzept hat sich bewährt.

1999 wechselten Sie an das Arndt-Gymnasium im Nachbarbezirk Zehlendorf. Im Regelfall endet eine schulische Aktivität, die doch immer sehr an einem einzelnen Lehrer hängt, durch solch einen Abgang. Wie gelang es, den Transfer zu schaffen, sowohl das Projekt am Goethe-Gymnasium fortzusetzen als auch an Ihrer neuen Schule eine gleichartige Big-Band-Struktur aufzubauen, und eine Fortsetzung in Kooperation zu etablieren?

Dr. Burggaller: Da es Dr. Lohe und der Schulaufsicht trotz großer Bemühungen nicht gelungen war, mir am Goethe-Gymnasium eine Lehrerstelle anzubieten, suchte ich eine musikalisch ambitionierte Schule. In dieser Phase trat das Arndt-Gymnasium auf mich zu. Eigentlich wollte man eine Person für den Orchesterbereich, ließ sich aber von der Idee, neben dem bestehenden Schulorchester auch Bigbands am Arndt-Gymnasium einzurichten, begeistern. Da ich damals noch andere Projekte verfolgte und nur mit einer halben Stelle an die neue Schule ging, konnte ich zunächst die C.O.M.B.O und die Juniors am GG weiterführen. Der Probenort der UBB war mit mir nach Dahlem gezogen. In den folgenden Jahren gelang es in enger Kooperation mit den Freunden des Goethe-Gymnasiums [Anm.: unserem Förderverein], ein Modell für die Weiterführung zu entwickeln und Nachfolger zu finden.

Wie haben sich die JazzNights über die Jahre entwickelt?

Büschelberger: Ich habe damals Herrn Buggallers Wechsel zum Arndt-Gymnasium miterlebt. Ich bewundere die Ruhe und die Weitsicht, mit der für den Fortbestand und das Wachstum der Jazz-AGs gesorgt wurde. Trotz der Umbrüche haben sie sich damals gefestigt und sind fester Bestandteil des Profils des Goethe-Gymnasiums geworden. Die JazzNights wurden immer beliebter und auf zwei Abende ausgeweitet. Um Räumlichkeiten zu finden, welche die Menge der Bands und Schüler aufnehmen konnten, mussten die Probenfahrten in einem immer größeren Radius gestaltet werden. Und auch die Zahlen der Auftritte mit den Bands zeigten, dass die Jazz Bands ein fester Bestandteil der Berliner Musiklandschaft wurden.

Fischer: Natürlich sind die JazzNights über die Jahre immer professioneller geworden. Das hatte mit der über die Jahre gewonnenen Erfahrung zu tun, aber auch mit der stetig steigenden Qualität der Bands und der Ausbildung ihrer Mitglieder. Aber auch das Ambiente hat sich durch das tolle Engagement der Eltern verbessert. Beim Buffet bleiben kaum Wünsche offen.

Herr Dr. Burggaller, die Jazz-Kooperative liegt Ihnen und Ihren Mitstreitern offenkundig am Herzen. War die Idee der Jazz-Kooperative eigentlich vor Ihrem Wechsel entstanden oder war sie gewissermaßen eine durch diesen bedingte Zwangsläufigkeit?

Dr. Burggaller: Da die UBB von Beginn an eine schulübergreifende Idee verfolgte, lernten wir viele andere Bigband-Kollegen kennen. Neben der Begeisterung für die Bigband-Musik verbanden uns ähnliche Probleme: kaum finanzielle Mittel für Noten und Instrumente, fehlenden kontinuierlichen Nachwuchs, wenige AG-Stunden, kam Möglichkeiten für Fortbildungen, wenig Kontakte zur Jazz-Szene. So entstand der Gedanke der Jazz-Kooperative, begünstigt natürlich durch die Keimzelle der beiden Schulen Goethe- und Arndt-Gymnasium.

Herr Büschelberger, 2004 wechselten Sie von Deutschland nach Madagaskar, um dort ein Projekt zur Jugendbildungsförderung aufzubauen und zu leiten. Die Kontakte zur Jazz-Kooperative blieben aber bestehen …

Büschelberger: … Nach meinem Tonmeisterdiplom verließ ich 2004 die Jazz-Kooperative, um meine heutige Vereinsarbeit in Madagaskar aufzunehmen. Zeitgleich plante die Jazz-Kooperative das erste BigBand-Meeting in Mahlow. Nachdem Martin Burggaller von meinem Gedanken erfuhr, ein Hilfsprojekt in Madagaskar aufzubauen, und er sich ausführlich informiert hatte, sagte er zu, die Veranstaltung als Benefizkonzert zugunsten von NY HARY Deutschland e.V. [Anm.: Trägerverein des Hilfsprojekts in Madagaskar] zu gestalten. Seitdem hat die Jazz-Kooperative Berliner Schulen einen ganz wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass wir Hunderten benachteiligter Schüler den Zugang zu Bildung ermöglichen können.

Das Musizieren in einem Ensemble fördert, erfordert aber auch Konzentration, Ausdauer, Fleiß und vor allem Disziplin in der Gruppe. Dies scheinen Sie mit Ihren Schützlingen offenkundig hervorragend zu meistern. Ich stelle mir das gerade bei den Altersgruppen in der Junior Jazz Band und in der C.O.M.B.O, bei den Unterstufen- und Mittelstufenschülern, nicht einfach vor. Worin bestehen die besonderen Herausforderungen – und wie erreichen Sie so verlässlich ein gutes musikalisches Ergebnis?

Kapitzke: Zunächst Danke für das Kompliment! Zum Teil steckt die Antwort bereits in der Frage. Wichtig ist sicherlich, immer wieder beharrlich die sogenannten "Sekundärtugenden" einzufordern. Nur wenn jeder Einzelne in der Band hier seinen Beitrag leistet, kann das gemeinsame Projekt gelingen. Aber gerade in der Altersgruppe der "Juniors" sind natürlich die Fähigkeiten zum Fokussieren sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es beginnt z.B. damit, ein Instrument, das man in Händen hält, während einer Spielpause auch mal schweigen zu lassen. Hier müssen klare Absprachen her, deren Sinn natürlich erklärt und deren Einhaltung immer wieder geübt werden muss. Bei aller Konsequenz darf aber der Spaß nie auf der Strecke bleiben.

Fischer: Es geht meiner Ansicht nach um die richtige Mischung aus Ernsthaftigkeit und Lockerheit / Spaß. Die Schüler merken, dass wir sie ernst nehmen und nach Kräften unterstützen. Natürlich fordern wir aber auch das Gleiche von ihnen. Neben der Band-Arbeit mit allen zusammen nimmt aber auch der Austausch mit aktiven Musikern der Berliner Szene großen Raum ein. Einzelunterricht und Section-Proben sind hier ein wichtiges Mittel, Inhalte und vor allem Spirit zu vermitteln.

Kapitzke: Hilfreich sind unbedingt die anstehenden Auftritte, sei es bei den JazzNights in der Schule oder bei außerschulischen Konzerten im Schlot oder beim Berlin-Marathon. Hier haben alle ein klares, gemeinsames Ziel vor Augen.

Wie haben sich die schulischen Rahmenbedingungen in den letzten 22 Jahren verändert, in denen Sie nun mit solch bemerkenswerter Kontinuität und unverminderter Energie die Big Bands betreiben und die JazzNights ausrichten?

Kapitzke: … Ganz so lange bin ich ja noch nicht dabei. Für die zurückliegenden Jahre kann ich aber feststellen, dass die AG-Arbeit als Bereicherung für das Schulprofil mehr wahrgenommen wird. Hieran haben neben der Schulleitung auch zunehmend engagierte Band-Eltern mitgewirkt.

Dr. Burggaller: Einen besonderen – und leider negativen – Einschnitt bedeutete die Einführung von G8 für die Gymnasien im Jahr 2012. in Kürze: Wir spüren die Auswirkungen sehr deutlich und empfinden sie als kontraproduktiv. Zunächst stellen wir fest, dass die SchülerInnen der Mittelstufe durch ihre erhöhte Wochenstundenzahl weniger Zeit und Energie zum Musizieren und zum häuslichen Üben haben, was aber Voraussetzungen zum Funktionieren der Bigbands sind. Durch den Wegfall der 13. Jahrgangsstufe sind die SchülerInnen zudem ein Jahr weniger in den Bands, was für die UBB einen deutlichen Qualitätsverlust bedeutet. Haben wir beispielsweise bis 2012 mit der UBB sehr erfolgreich an Wettbewerben auch auf Bundesebene teilgenommen, so erreichen wir diese hohe Qualität nicht mehr. Durch die kurze Oberstufe muss jährlich etwa die Hälfte der Bandmitglieder verabschiedet und ersetzt werden.

kapitzeKapitzke: Auch ich habe die Einführung von G8 in Berlin als nicht unbedingt glücklichen Einschnitt erlebt. Die Schultage wurden länger, Schüler hatten merklich weniger Freizeit und damit Übungszeit, unsere Bandprobenzeit rutschte weiter in den Nachmittag. Junge Schüler, die im Anfängerunterricht der BBS [Anm.: Band- und Bläserschule in Klassenstufe 5] beginnen, erleben das Erlernen eines neuen Musikinstruments neben den Anforderungen der weiterführenden Schule als immer größere Herausforderung. Wir sind sehr froh, dass dennoch weiterhin viele Schüler die nötige Selbstorganisation, Übefleiß und Begeisterung für Musik mitbringen und wir ausreichend Nachwuchs haben. Das Ziel, in den Bands mitzuspielen ist einfach sehr attraktiv und motiviert.

Wenn Sie auf 22 Jahre Jazz-AG am Goethe-Gymnasium und 40 JazzNights zurück blicken – welche Highlights sind Ihnen im Gedächtnis geblieben?

Kapitzke: Höhepunkt sind sicherlich über die Jahre immer wieder die Momente, in denen sich das Publikum richtig mitreißen lässt. Eine schöne Erinnerung ist die Entstehung regelrechter Klatsch-Choreographien bei den Schülern im Publikum. Hier gibt es eine anhaltende Tradition, dass sich die Bands gegenseitig unterstützen und anfeuern.

Fischer: Hervorzuheben sind jegliche Beiträge in kleineren Besetzungen. Hier muss jeder Einzelne größere Verantwortung übernehmen und noch mehr aufwenden.

Kapitzke: Besondere Momente waren auch immer die Verabschiedungen von Schülern – in der Regel aus der United Big Band. Diese sind oft sehr emotional. Man blickt zurück; über viele Jahre konnte mitverfolgt werden, wie sich die Schuleinsteiger persönlich und musikalisch weiterentwickelt haben. Das ist eigentlich immer Anlass zur Freude.

Dr. Burggaller: Neben größeren Ereignissen wie erfolgreichen Wettbewerbsteilnahmen, einem großen Konzert mit Till Brönner im Großen Sendesaal des rbb ist natürlich besonders die Reise der UBB nach Madagaskar im Jahr 2012 hervorzuheben. Auf Einladung unseres früheren Leiters der Junior Jazz Band, Stefan Büschelberger, reiste die UBB zwei Wochen durch das Land, gab Konzerte und Workshops. Die enge Verbindung zu Stefan und seinem großartigen Hilfsprojekt vor Ort ist nach wie vor sehr lebendig.

Büschelberger: Ein absoluter Höhepunkt war der Jugendkulturaustausch mit der United Big Band im Jahr 2012 unter der Schirmherrschaft von Dr. Frank Walter Steinmeier. Es ist für mich ein lebender Beweis für den Erfolg der Jazz-Kooperative, dass sich in der United Big Band einige meiner ehemaligen Junior-Jazz-Band-Schüler wiederfanden. Von manchen weiß ich, dass sie heute Musik studieren und als Coaches in den Bands arbeiten. Es ist schön zu sehen, wenn ein Kreis sich schließt!

Worin sehen Sie persönlich den größten Wert der Jazz-AG und von Veranstaltungen wie den JazzNights im Rahmen des schulisches Angebots?

Kapitzke: Die Bands und unsere Konzerte sind das Projekt vieler Beteiligter – Bandleiter, Eltern, vor allem natürlich die Schüler als Musiker oder auch als Mitglieder der Technik-AG. Das belebt die Schule und schafft Gemeinschaft. Zudem hat jeder Schüler durch die aufeinander aufbauenden Bands die Möglichkeit, sich über die gesamte Zeit am Goethe-Gymnasium musikalisch immer weiterzuentwickeln. An den Herausforderungen wachsen dann auch die Persönlichkeiten.

Dr. Burggaller: Aus meiner Sicht sind Aktivitäten, die neben dem herkömmlichen Unterricht stattfinden, besonders wichtig für das Leben einer Schule. Sie sind bereichernd, sie führen SchülerInnen unterschiedlicher Klassen und Jahrgänge zusammen. Sie stiften Identität, sie repräsentieren die Schule nach innen und außen. Es entstehen Freundschaften, es gelingt, miteinander musikalische Erfahrungen zu machen. Die Bandmitglieder lernen es, sich in eine soziale Gemeinschaft einzufügen, ihren Teil zum Gelingen beizutragen. Darüber hinaus ist es uns gelungen, im Laufe der Jahre hunderte junge Menschen für das Musizieren zu begeistern. Eine nicht ganz unbedeutende Zahl von ihnen hat mittlerweile Musik studiert. Einige von ihnen sind als Coaches und Instrumentallehrer in unserer Jazzkooperative aktiv.

Was erhoffen Sie sich für die Zukunft der Jazz-AG, der Jazz-Kooperative und der JazzNights am Goethe-Gymnasium?

Kapitzke: Wir hoffen, dass wir bei konstanten Schülerzahlen am Goethe-Gymnasium weiter musizieren können. Im Blick haben wir dabei natürlich die 50. JazzNight!

Fischer: Der Erfolg hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Ein sehr bedeutender sind die beteiligten Eltern. Wir hatten bisher immer das Glück, großen Rückhalt bei den Band-Eltern zu haben. Ihr Mitwirken und ihre Unterstützung helfen zu einem nicht unbedeutenden Teil mit, das Ganze am Laufen zu halten.

Dr. Burggaller: Es ist schön, dass die Jazz-AG und die Bigbands am Goethe-Gymnasium ein hohes Ansehen genießen. Mit Stefan Kapitzke und Christian Fischer konnten wir hervorragende Musiker und Bandleiter gewinnen, die mit großem Engagement, großem Erfolg und in einer für die heutige Zeit erstaunlichen Kontinuität die Jazz-Aktivitäten am Goethe-Gymnasium verantworten. Ich hoffe, dass sie lange weitermachen.
Seit Jahren beobachte ich leider, dass es für die Jazz-Aktivitäten trotz ihrer wichtigen Stellung und aller Unterstützung durch Schulleitung, Kollegium und Förderverein teilweise nicht einfach ist, im Mikrokosmos des Goethe-Gymnasiums ihren Platz zu finden. Der nachmittägliche Instrumentalunterricht, der von den Bandleitern dankenswerter Weise organisiert wird, hat immer wieder mit Raumproblemen zu kämpfen …

Kapitzke: Ein Traum für die Zukunft wäre ein richtiger Band-Probenraum. Bei unserer wöchentlichen Probe geht einfach immer eine Menge Zeit für den Auf- und Abbau drauf.

Dr. Burggaller: Hier wünsche ich mir – wenn ich das sagen darf – eine noch bessere Einbeziehung der Jazz-Aktivitäten in die räumlichen und terminlichen Planungen des Goethe-Gymnasiums.

Büschelberger: Ich wünsche, dass den Bandleitern, Coaches, Musikern und Mitwirkenden, allen voran Martin Burggaller, nie die Freude am Musizieren und der Elan bei dieser unglaublich wichtigen Arbeit abhandenkommen. Martin hat einmal zu mir gesagt: "Wenn es etwas nicht gibt, dann muss man es eben schaffen!". Den Großteil der Erfahrungen, auf die ich bei meiner heutigen Arbeit in Madagaskar zurückgreife, habe ich in der Jazz-Kooperative gesammelt und zwar weit über das Musizieren hinaus. Ich hoffe, dass allen Beteiligten der unglaubliche Reichtum, der in der Jazz-Kooperative steckt, immer bewusst bleibt. Selbst wenn wir in Madagaskar Tag für Tag daran arbeiten, Ähnliches aufzubauen, so kann man von so etwas wie der Jazz-Kooperative hier nur träumen.

Hinweis: Ein weiteres Interview mit Herrn Dr. Burggaller und Herrn Fischer aus dem Jahre 2004 zur Idee und Arbeitsweise der Jazz-Kooperative findet man in einer Ausgabe der Jazz-Zeitung online auf jazzeitung.de ("Jenseits von Pisa gibt es Hoffnung - Die Erfolgsgeschichte einer Jazzkooperative an Berliner Schulen").

Einleitungstext und Interview: Sebastian Claudius Semler, GEV-Vorsitzender (Schuljahr 2016/17)
Fotos: Sophie Bahr, 2. Semester, Herr Semler, Herr Büschelberger (Schuljahr 2016/17)

 

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