Zum Tod von Richard von Weizsäcker II

Kondolenz für Freiherr Dr. Richard von Weizsäcker

Leider ist es mir nicht mehr möglich gewesen, mich im Roten Rathaus oder im Schloss Bellevue in die dort ausliegenden Kondolenzlisten einzutragen. Umso mehr danke ich für die Möglichkeit, am Tage seiner Beisetzung an dieser Stelle meiner Trauer und Bewunderung über diesen großen Staatsmann und Menschen Ausdruck geben zu können.

Zunächst einmal möchte ich an dieser Stelle der Familie von Freiherr Dr. Richard von Weizsäcker mein tiefes Beileid zum Verlust ihres Ehemannes und Vaters aussprechen.

Ebenso wie Richard von Weizsäcker habe ich einen der wohl bedeutendsten Abschnitte der Deutschen Geschichte mit erleben dürfen, die Teilung Deutschlands, den Bau der Mauer in Berlin, die schmerzvolle Teilung der Stadt und der Familie, den Kalten Krieg, aber auch die Wiedervereinigung der Stadt und der unseres Vaterlandes. Voller Dankbarkeit durfte ich auch das 25-jährige Jubiläum des Falls der Mauer mit seiner beeindruckenden Lichtermauer erleben.

Ich bin dankbar, daß ich aufgrund meines Alters den Krieg und den Nationalsozialismus nicht, wie Richard von Weizsäcker, erleben mußte.

Wir dürfen als Berliner und Deutsche sehr dankbar sein, in dieser für unser Land sehr wichtigen Zeit einen Mann wie Richard von Weizsäcker als Regierenden Bürgermeister unserer jetzigen Hauptstadt und später auch, in der Phase der Wende, als Bundespräsidenten unseres Vaterlandes gehabt zu haben.

Ich möchte an dieser Stelle, in nur wenigen kurzen Auszügen, an die vielen mir und meinen Landsleuten zu Herzen gegangenen klugen Reden des Bundespräsidenten erinnern:

Ansprache von Bundespräsident Richard von Weizsäcker beim Staatsakt zum Tag der deutschen Einheit:

"Aus ganzem Herzen empfinden wir Dankbarkeit und Freude - und zugleich unsere große und ernste Verpflichtung. Die Geschichte in Europa und in Deutschland bietet uns jetzt eine Chance, wie es sie bisher nicht gab. Wir erleben eine der sehr seltenen historischen Phasen, in denen wirklich etwas zum Guten verändert werden kann. Lassen Sie uns keinen Augenblick vergessen, was dies für uns bedeutet."
"Was dies heißt, erkennen wir an der Bedeutung von Grenzen. Kein europäisches Land hat so viele Nachbarn wie wir."
"Alle Grenzen Deutschlands sollen Brücken zu den Nachbarn werden. Das ist unser Wille."
"Die Hoffnung auf Freiheit und auf Überwindung der Teilung in Europa, in Deutschland und zumal in Berlin war in der Nachkriegszeit nie untergegangen. Und doch hat kein Mensch die Vorstellungskraft besessen, den Gang der Ereignisse vorauszusehen. So erleben wir den heutigen Tag als Beschenkte. Die Geschichte hat es dieses Mal gut mit uns Deutschen gemeint. Um so mehr haben wir Grund zur gewissenhaften Selbstbesinnung."

Lange Zeit fehlte mir in meiner Kindheit, Schulzeit, dem Studium der Chemie, bis hin zur Dissertation ein Mensch, den ich wirklich als ein Vorbild für mich betrachten konnte.

Die mangelnde Bereitschaft vieler Menschen, sich mit unserer Vergangenheit auseinander zu setzen, der Wunsch nach Wohlstand um jeden Preis, die Neigung, anderen Menschen zu Munde reden zu wollen, die Reden der Politiker vor einer Wahl, was ihre hehren Ziele sein würden, gepaart mit ihrem Grinsen nach der Wahl, bis hin zu dem offenen Bekenntnis, "was kümmert mich mein Gewäsch von gestern" ließen mich nicht selten am Charakter einiger Menschen und Politiker verzweifeln.

Dies änderte sich für mich, als ich Richard von Weizsäcker als Bürgermeister von West-Berlin erleben durfte. Seine Gewissenhaftigkeit, gepaart mit Toleranz und Humanismus und dennoch seinem festen Willen, ein gestecktes Ziel auch erreichen zu wollen, haben mich leider erst nach dem Abschluss meines Studiums erreicht, aber dennoch sehr beeindruckt und ihn als erste Person in meinem Leben zu einem Vorbild werden lassen.

Als ich mich noch einmal mit seinem überaus interessanten Lebenslauf beschäftigte, las ich, warum mich dieser Mensch vermutlich auch so berührt hatte.

Ich las, dass Freiherr Dr. von Weizsäcker 1937 am Bismarck-Gymnasium in Berlin Wilmersdorf sein Abitur ablegte. Mehr als 30 Jahre später legte ich an diesem Gymnasium, das nach dem Kriege den Namen Goethe-Gymnasium trug, ebenfalls mein Abitur ab. Offenbar hatten sich die vermittelten Werte auf diesem humanistischen Gymnasium auch nach einer Generation nicht wesentlich verändert.

Ich war dankbar, endlich einen Politiker und Menschen erleben zu dürfen, der auch nach diesen Prinzipien bereit war zu leben.

Auch er kritisierte die Entwicklung der Politik und ihrer Politiker: Er kritisierte, dass sich der Einfluss der Parteien auf die gesamte Gesellschaft ausgeweitet habe. Sie seien längst zu einem sechsten Verfassungsorgan geworden, aber, im Gegensatz zu den anderen, keiner Kontrolle unterworfen. Weiterhin führte er aus, dass das vorrangige Ziel der Parteien sei, die nächste Wahl zu gewinnen und nicht langfristig Probleme dieses Landes zu lösen. Sie nähmen temporäre Stimmungen im Volk in ihr Parteiprogramm auf, um bei der nächsten Bundestagswahl möglichst viele Stimmen zu erhalten.

Danke, Herr Dr. von Weizsäcker, dass Sie diese Stadt und dieses Land in so verantwortungsvoller Weise geführt haben.

In aufrichtiger Trauer und Anteilnahme

Dr. Rolf Nuck (Abitur 1969)

 

 

 

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