"Straight Outta Hades"

Ebenso wie die Rede der Lehrerschaft veröffentlichen wir auf vielfachen Wunsch die Abiturrede der Schülerschaft, die Philip Steiskal bei der Verabschiedung der Abiturienten am 08. Juli 2016 gehalten und dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat:

Sehr geehrte Lehrerinnen und Lehrer, werte Eltern und Familienangehörige, liebe Mitschülerinnen und Mitschüler,

heute sind wir alle feierlich zusammengekommen zur letzten und meistbesuchten Zeugnisvergabe unserer Schulzeit: der Abiturverleihung. So können wir nun sagen: Jetzt hammer´s fei g´schafft! Wir halten es in den Händen, schwarz auf weiß! Den heiligen Gral des deutschen Schulsystems, die "Medal of Honor" der bundesweit größten Zwangsveranstaltung. Das "Abitur".

Um diese Auszeichnung haben wir uns auch wirklich verdient gemacht: Wenn man schließlich bedenkt, dass man pro Jahr circa 180 Tage in der Schule sitzt, dann haben wir ungefähr zwei Zwerghamsterleben hier drin verbracht, und DAS derartig erfolgreich.

Aber besagter Erfolg hat auch ganz schön Nerven gekostet: Gar nicht anfangen möchte ich, von aus der Not entstandenen Nachtschichten zu erzählen, in denen man z.B. das morgen anstehende Referat fertigstellen musste. Kurios wurde es dann, wenn man den verzweifelten Griff zu dubiosen "Lernsongs" wagte, die einem die Polynomdivision näherbringen sollten. Wenn aber selbst das nicht mehr half, gewann dann doch die chronische Lustlosigkeit, gefolgt von stoischer Gelassenheit. Nachvollziehbar, denn eine "Kritik an der reinen Vernunft" vom lieben Immanuel konnte genauso Unbehagen auslösen, wie vektorielle Geradengleichungen windschief sitzen konnten.

Aber all diese Sorgen können wir schließlich hinter uns lassen, denn heute haben wir wohl ein letztes Mal als Schüler diese heiligen Hallen der Bildung betreten und werden sie gleich endgültig verlassen. Ich glaube, keinem werde ich Unrecht tun, wenn ich behaupte, dass sich alle auf besagten Tag gefreut haben. Jetzt stehen wir kurz davor, endlich Zugang ins „richtige Leben“ zu finden, wie man so schön sagt, wofür angeblich das Abitur der Schlüssel sei.

Doch war´s das? Ist dieses Papier mit all seinen Zahlen das, was von dieser Schulzeit für unser Leben übrig bleibt? Eine bloße ... Note?

Bestimmt nicht, denn Schulzeit und Abitur sind nicht lediglich eine Qualifikation für einen Beruf. Es ist die Zeit, die uns bis heute und, mit Verlaub, wohl bis ins höhere Alter am meisten geprägt haben wird. Wenn wir uns nämlich unsere Einschulungsbilder ansehen, wird uns klar, dass ein ganz anderer Mensch aus dem einstigen Kind wurde.

Natürlich wurden wir auch von der Lehrerschaft bereichert an Wissen und Weltbewegendem: Beispielsweise wurde uns auf der Griechenlandfahrt schnell klar gemacht – "Ein Tag ohne Steine?! Kein guter Tag!"

Zu betonen ist auch die ausgesprochene Vielfalt dieser Weisheiten. Sie erstrecken sich von medizinischer Beflissenheit, z.B. dass Imodium, ein Mittel gegen Durchfall, super bei Bauchschmerzen helfe, bis hin zur Neukreation idiomatischer Wendungen. Dass auf die Taube der Sommer folge, leuchtet schließlich mehr ein, als dass eine Schwalbe noch keinen Sommer macht.

Doktor Sommer darf auch seine Siebensachen packen: Einer unserer Biologielehrer hat uns über den wahren Nachteil des Kondoms aufgeklärt: Es ist nicht das Risiko, dass es reißt, sondern, um Himmels Willen, es macht halt einfach keinen Spaß!

Gerade unseren gesellschaftswissenschaftlichen Fachbereich muss ich in hohem Maße loben, wahre geistige Vorreiter. Wahrhaftiges "Out-of-the-box"-Denken, zeigt sich nämlich so: "Ich habe zwar kein Netflix, aber ich chille sehr viel."

Ja, bei Zeus, möge mich der Blitz treffen, wenn ich im Folgenden nicht "Den Denker" in der politikwissenschaftlichen Reihe rezitiere. Er ist der Philosoph des Kollegiums, er bringt die weiten, geistigen Höhen der Gedankenwelt zu uns in die Klassenzimmer, in das praktische Leben. Protagoreisch, nihilistisch, lässig gibt er von sich: "Nachdenken ist eine Verschwendung."

Aber nicht nur all dies förderte uns, sondern wir machten auch eigene Erfahrungen. Stück für Stück haben wir gelernt Verantwortung für uns zu übernehmen. In dieser Zeit haben wir Freundschaften geschlossen, haben gelacht, geweint, haben gelebt. Jawohl, wir sind sogar "Bierballbosse", legendär bleibt der 07.04.2016 gegen die Marie Curie in Erinnerung, Never Forget.

Es war bereits allein den ganzen schulischen Aufwand wert, wenn man in der Mottowoche auch seine zarte, feminine, oder ruppige, maskuline Seite entdecken und zum Vorschein bringen durfte. Da hätte Donna Summer durchaus ihren „Hot Stuff“ für den Abend gefunden, im Freudenhaus zum stürmenden und drängenden Goethe. Aber genau das ist es.

Es ist kein Schnitt, sondern es sind die Erinnerungen, die übrig bleiben, die uns formten. Und mit niemanden würde ich diese Momente lieber teilen wollen, als mit euch. Denn obwohl wir vielleicht in der Unterstufe als Jahrgang weniger teilten, wuchsen wir in der Oberstufe umso mehr zusammen, sodass Mottowoche und Studienfahrten zu einmaligen, gemeinsamen Erlebnissen wurden.

Ja, meine Lieben, es ist wohl wahrlich so: Jeder Abschied ist schmerzlich, selbst wenn man ihn sich so sehnlichst erwünscht.

Aber wenn wir dann doch mal gefragt werden, welche Bildungsanstalt wir besuchten, dann ist der Name "Goethe-Gymnasium" wohl untrennbar mit dem humanistischen Bildungsideal verknüpft. Es ist zumal mit Latein und Alt-Griechisch verbunden, den Fächern, die leider oftmals als unzeitgemäß, wenn gar unnötig dargestellt werden, da sie angeblich im späteren Beruf keine Anwendung fänden.

Auch wenn es vielleicht der Fall sei, dass so mancher seine Latein- und Alt-Griechisch-Erfahrungen als einen Albtraum mit Freddy Kruger, sozusagen aus "Nightmare on Gasteinerstreet" sähe, sollten wir dennoch den humanistischen Bildungszweig und diese Schule nicht bloß auf zwei Fächer zurückführen. Der Humanismus will keinen Vokabelschatz fördern, sondern er hat das Ziel, dass ein jeder Mensch seine eigene Persönlichkeit bestmöglich entfalten und sich verwirklichen kann. Ein souveräner, selbstbewusster Mensch. Das sind wir geworden.

Denn wenn ich in die mir vertrauten Gesichter blicke, sehe ich Menschen, deren Geist nicht ausgefüllt, sondern entzündet wurde, um es in Plutarchs Worten zu sagen.

Ihr habt eine eigene Persönlichkeit und Eure eigenen Ideale und Ziele. Euch wurde nicht bloßes Wissen eingetrichtert, sondern Ihr habt die Mittel von Eltern und Lehrern auf den Weg mitbekommen, um das zu erreichen, was Ihr ersucht. Wenn Ihr also etwas gefunden habt, das Euch leidenschaftlich packt, lasst Euch nicht davon abbringen, weil man "damit nichts anfangen" könne. Lasst uns viel lieber diese Begeisterung und jugendliche Neugierde bewahren und, was auch immer es sei, das uns erfüllt, verfolgen, statt einem gesellschaftlichen Druck zu weichen. Wenn dies auch idealistisch und naiv sei, so wäre es aber paradox, sich zwanghaft nach einer Gesellschaft zu richten: Denn wenn auch der Einzelne auf einer Gesellschaft beruht, so beruht die Gesellschaft auf uns allen, so, wie wir sie als Generation gestalten.

Deshalb, bleibt Euch selbst treu, selbst wenn Ihr ein König, Footballspieler, oder Astronaut werden möchtet, oder ein footballspielender König im Weltall, um es letztendlich in Spongebobs Worten zu sagen.

Aber beiseite, mit moralapostolischen Monologen, denn wir wissen doch allesamt, dass uns nichts zu schrecken vermag, dass wir auf alles gefasst sind – EZ PZ: Wir wissen schließlich, dass Maß das beste ist; uns hat die Muse sogar den vielgereisten Mann genannt; wir kennen die drei verschiedenen Teile Galliens; aber wir wissen auch, dass wir im Grunde genommen nichts wissen,... denn WIR kommen "Straight outta Hades!"

Danke!

Philip Steiskal, LK Griechisch und Mathematik (Schuljahr 2015/16)

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