"Sapere aude!"

Anlässlich des so erfreulichen Abschneidens des diesjährigen Abiturjahrgangs veröffentlichen wir auf vielfachen Wunsch die Abiturrede der Lehrerschaft, die Frau Kohlenberg bei der Verabschiedung der Abiturienten am 08. Juli 2016 gehalten und dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat:

Liebe Abiturientia 2016, liebe Eltern, liebe Gäste und liebe Schulgemeinschaft des Goethe-Gymnasiums,

es ist mir eine große Freude, am heutigen Abend die Rede der Lehrerschaft an Sie halten zu dürfen. Es ist natürlich immer eine Ehre, diese Aufgabe zu übernehmen, für Sie tue ich es jedoch besonders gern. Denn Sie sind auch ein besonderer Abiturjahrgang. Unter Weinkennern würde man wohl von einem Jahrhundertjahrgang sprechen. Im Fußball vielleicht eher von Real Madrid als von der Mannschaft, der mein Herz gehört. Und in der Schule eben von einem Jahrgang, der sich durch eine besonders hohe Klugheitsdichte ausgezeichnet hat.

Ein Jahrgang auch, der bereit war, sich auf die humanistische Bildungsvorstellung des Goethe-Gymnasiums einzulassen. Wie Sie natürlich wissen, gehört zur humanistischen Bildung das Studium der alten Sprachen und der Antike. Sie haben, wie Wagner zu Faust sagt: "[…] die Mittel, / durch die man zu den Quellen steigt", kennengelernt. Aber Bildung allein war auch für unseren Namensgeber Goethe immer zu wenig. Sie sollte kein Selbstzweck sein. Humanität bedeutet eben beides: Bildung und Menschlichkeit! Man könnte daher auch von Herzensbildung sprechen. Es ist eben die Freundlichkeit und der Anstand im Umgang miteinander. Und genau diese Seite habe ich bei vielen von Ihnen auch erleben dürfen. Das macht sie so besonders, dass Sie beides vereinen: Sie fühlen mit dem Kopf und denken mit dem Herzen, so brillant hat es der Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg formuliert.

Es könnte jedoch sein, dass Sie im Laufe Ihres Lebens auf Menschen treffen, die zwar vermeintlich gebildet sind oder das glauben zu sein, denen es jedoch genau an dieser Herzensbildung mangelt. Lassen Sie sich nicht dadurch erschüttern, bleiben Sie sich treu und bewahren Sie sich Ihre Freundlichkeit und Anständigkeit auch für die Zukunft: Beide sind ein rares Gut.

Und auch eine Abiturrede sollte nun zwei Dinge vereinen: Sie sollte Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit wachhalten und das Neue aufscheinen lassen. Was also hat uns in der Vergangenheit verbunden? Und was kann ich Ihnen für Ihre Zukunft mit auf den Weg geben?

Natürlich stand für mich während unserer gemeinsamen Zeit am Goethe-Gymnasium immer der Unterricht mit Ihnen im Mittelpunkt. Ich habe von ganzem Herzen versucht oder auch: mich redlich geplagt, Sie mit den Reichtümern, den Schönheiten und den Herausforderungen der Literatur bekannt zu machen. Ob mir dies gelungen ist, wird sich zeigen.

Viele Schüler dieses Jahrganges kenne ich seit der 5. Klasse als Englischlehrerin. Wir sind gemeinsam von den Tiefen der „to do-Umschreibung“ bis zu dem großartigen Orwell-Roman "Animal Farm" aufgestiegen. In einer Klasse war ich zwei Jahre lang Klassenlehrerin und ich erinnere mich an Stunden zum Werther, zur Antigone und zu Musil. Ich habe Ihre Gesichter noch vor mir, entweder in stillem Erdulden des Unabwendbaren, aber auch aufblühend mit plötzlicher Erkenntnis. Wieder andere Schüler kenne ich als großartige Musiker der JazzNight: Sie gaben und geben immer wieder und nicht nur zweimal im Jahr alles, um unsere Schule bestens zu vertreten. Mein intensivstes Erlebnis mit diesem Jahrgang war aber sicherlich mein Leistungskurs. Wir waren eine kleine, verschworene, vielleicht auch exklusive Gruppe, die eine große Außenwirkung hatte, was nicht nur bei unseren Theaterbesuchen, sondern auch in der Literatur-AG deutlich wurde. Ich hoffe und wünsche mir, dass Literatur, sei es Goethe oder Brecht, Eichendorff oder Büchner, Trakl oder Peter Weiss, dass diese Literatur Ihnen ein Fenster in ein neues Land geöffnet hat.

"Sie haben nun, ach! Philosophie, Mathematik, Zeichnerei und Musizieren und manche auch Biologie durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da stehn sie nun im Aulator, und sind durchaus klüger als zuvor", denn zum Abitur dürfte man und dürften Sie den höchsten Grad an Allgemeinbildung erreicht haben.

Was kann ich Ihnen also für Ihre Zukunft wünschen? Der Kant’sche Zuruf: "Sapere aude!" bringt es auf den Begriff: "Haben Sie Mut, selbständig zu denken!" Lassen Sie sich nichts vormachen. Lassen Sie sich nicht von glänzenden, aber oftmals leeren Worthülsen beeindrucken. Wenn Sie anfangen, selbständig zu denken, geht es Ihnen vielleicht so wie einem Rechtshänder, der auf einmal mit links schreiben soll. (Oder umgekehrt. Um auch den Linkshändern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.) Doch Sie sind sich das eigenständige Denken schuldig, denn: Sie sind einmalig! Aber nicht mit diesem unangenehmen elitären Beigeschmack, sondern ganz und gar im Sinne Peter Rühmkorfs: "Einmalig wie wir alle!" Und wenn die Schule dies erreicht hat, dass Sie den Mut haben, sich selbst allein auf den Weg zu machen, auf eigene Faust zu denken und zu handeln, d. h. sich als verantwortungsvolles Individuum zu begreifen, dann wäre das nicht das geringste, was wir als Lehrer erwirkt hätten.

Ich möchte die Rede mit einem Zitat des berühmten Mathematikers, Philosophen und Pazifisten Bertrand Russell enden. In seiner Autobiographie schreibt er:

"Drei einfache, doch übermächtige Leidenschaften haben mein Leben bestimmt: das Verlangen nach Liebe, der Drang nach Erkenntnis und ein unerträgliches Mitgefühl für die Leiden der Menschheit. Gleich heftigen Sturmwinden haben mich diese Leidenschaften bald hier – bald dorthin geweht in einem launenhaften Zickzackkurs.
Nach Liebe trachtete ich, weil sie Verzückung erzeugt, eine Verzückung so gewaltig, dass ich oft mein ganzes, mir noch bevorstehendes Leben hingegeben haben würde für ein paar Stunden dieses Überschwangs. Mit gleicher Leidenschaft habe ich nach Erkenntnis gestrebt. Ich wollte das Herz der Menschen ergründen. Ich wollte begreifen, warum die Sterne scheinen. Ich habe die Kraft zu erfassen gesucht, durch die die Zahl den Strom des Seins beherrscht. Ein wenig davon, wenn auch nicht viel, ist mir gelungen.
Liebe und Erkenntnis, soweit sie erreichbar waren, führten empor in himmlische Höhen. Doch stets brachte mich das Mitleid wieder zur Erde zurück. Widerhall von Schmerzensgeschrei erfüllt mein Herz: Verhungernde Kinder, gefolterte Opfer von Unterdrückern, hilflose alte Menschen, ihren Kindern zur verhassten Bürde geworden – die ganze Welt der Verlassenheit, der Armut, des Leids, all das macht ein hohnvolles Zerrbild aus dem, was Menschenleben eigentlich sein soll. Es verlangt mich danach, dem Übel entgegenzusteuern, allein ich vermag es nicht und so leide auch ich.
So war mein Leben. Ich habe es lebenswert gefunden, und ich würde es mit Freuden noch einmal leben, wenn sich mir die Gelegenheit dazu böte."

Das sagt Russell zum Ende seines Lebens. Ich sage Ihnen zum Anfang Ihres Lebens, jedenfalls zum Anfang Ihres selbständigen Lebens: Es gibt alles nur einmal!

Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre wache Neugier, Ihren Willen zur Erkenntnis und Ihre Freude am Lernen nicht verlieren werden. Im Namen des Kollegiums des Goethe-Gymnasiums: Alles Gute für Ihre Zukunft.

Haben Sie vielen Dank.

Frau Kohlenberg, Fachbereichsleiterin Deutsch (Schuljahr 2015/16)

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