Vom Bohren dicker Bretter

"Welche Bedeutung hat humanistisch-altsprachliche Bildung heute für ein erfolgreiches Berufsleben?" – Eindrücke von einer Podiumsdiskussion im Goethe-Gymnasium

Früher, als alle Welt Latein konnte und die Gebildeten auch Griechisch sprachen, da führten auch alle Wege nach Rom. Heute spricht man allenfalls im Vatikan Latein, das Altgriechische ist im Neugriechischen kaum noch wiederzufinden, und deshalb fragen sich natürlich alle, die heute alte Sprachen lehren und lernen: Wohin führt das? Was haben wir davon?

"Welche Bedeutung hat humanistisch-altsprachliche Bildung heute für ein erfolgreiches Berufsleben?" war daher auch der Titel der Diskussionsrunde, zu der die Gesamtelternvertretung (GEV) des Goethe-Gymnasiums zum 18. Oktober in die Aula eingeladen hatte. Und wenn man sich die Runde anschaute, die sich unter der Moderation von Dr. Heike Schmoll (Redakteurin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und bekannt als leidenschaftliche Streiterin für die Vorzüge altsprachlicher Bildung) auf dem Podium zusammengefunden hatte, dann war die Vielfalt der Berufe und Ausbildungen beeindruckend.

Fünf Ehemalige, fünf Wege, die in die verschiedensten Richtungen geführt haben. Da war ein Doktor der Biochemie und der Medizin, der nach seinem Abitur im Jahr 1970 zunächst Freie Kunst studierte – Axel Schäfer ist Privatdozent und arbeitet als Gynäkologe an der Charité. Ein Professor für Neurobiologie – Dr. Stephan Sigrist, der das Goethe-Gymnasium bis zum Abitur im Jahr 1986 besuchte, lehrt heute am Institut für Biologie/AG Genetik der FU Berlin. Oder eine Wirtschaftsmathematikerin – Christiane Kleikamp, Abitur 1990, die heute bei T-Systems beschäftigt ist. Auch eine Musikerin, Schauspielerin und Autorin - Ina Lucia Hildebrand, manchen besser bekannt als Luci Van Org, die ebenfalls im Jahr 1990 ihr Abitur ablegte. Und ein Journalist und Sachbuchautor – Sven Felix Kellerhoff, nach dem Abitur 1990 inzwischen Redakteur bei der Tageszeitung "Die Welt".

Gruppenfoto

Alle haben sie am Goethe Latein und Griechisch gelernt, alle haben sie zwischendurch auch über Aorist und Ablativ gestöhnt, und alle kamen sie an diesem Abend zu dem Schluss, dass sie es nicht nur nicht bereuen, sondern dass jede und jeder auf seine Weise von dieser Lernerfahrung profitiert hat, auch wenn heute keiner mehr in seinem jeweiligen Beruf mit den alten Sprachen zu tun hat.

Vom "Bohren dicker Bretter" war da häufiger die Rede, davon, dass man gerade in Latein und Griechisch gelernt habe, nicht den leichtesten, den Weg des geringsten Widerstands zu suchen, sondern sich auch durch unbequemere Aufgaben hindurch ans Ziel zu kämpfen, per aspera ad astra, was jeder "Asterix"-Leser übersetzen kann. Die Freiheit des Blicks, die man gewonnen habe, wurde erwähnt und der Blick auf Geschichte und den Traditionszusammenhang, in dessen Ausläufern wir uns immer noch befinden. Und der eine oder andere hob auch hervor, dass Griechisch das reizvollere, das anregendere, beliebtere Fach gewesen sei. Was insofern erstaunlich und auch ermutigend ist, als sich heute viele Eltern zwar gerade noch vorstellen können, ihre Kinder Latein lernen zu lassen, und die Zahl der Schüler, die es tatsächlich tun, seit dem Jahr 2000 um rund 30 Prozent gestiegen ist – Altgriechisch jedoch tendenziell zu den bedrohten Arten unter den Schulfächern gerechnet werden muss.

Als schließlich auch die Schulleiterin Gabriele Rupprecht zu der Runde auf dem Podium stieß, wurde sehr deutlich, dass es neben den positiven Erfahrungen und Erinnerungen der Ehemaligen auch einiger Standfestigkeit und Kampfgeistes in der Gegenwart bedarf, um unter den Bedingungen der Berliner Schulpolitik die Existenz altsprachlicher Bildung zu behaupten, weil grundständige Gymnasien wie das Goethe-Gymnasium nicht gerade zu den Lieblingsprojekten von Senats- und Bezirksverwaltung zählen.

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Präludium an der Orgel Präludium an der Orgel
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Erwartungsvolles Publikum Erwartungsvolles Publikum
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Moderatorin und Diskussionsteilnehmer Moderatorin und Diskussionsteilnehmer
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Beitrag der Schulleiterin Beitrag der Schulleiterin

So ging der erste Teil der Veranstaltung in der bestens gefüllten Aula mit gedämpftem Optimismus und einer musikalischen Darbietung von Francesco Farrugia-Weber (3. Semester der Oberstufe), der auch für die Ouvertüre an der Orgel gesorgt hatte, zu Ende. Beim anschließenden kleinen Umtrunk blieb Gelegenheit zu weiteren Gesprächen – und zur Verfestigung des Eindrucks, dass eine humanistisch-altsprachliche Bildung auch heute in ein erfolgreiches Berufsleben führt und weiterhin führen wird, wenn man sich politisch für sie einsetzt. Denn auch Politik, hat der Soziologe Max Weber geschrieben, "bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich".

Einleitende Worte des Vorsitzenden der GEV (als PDF)

Text: Peter Körte, Elternvertreter 8c (Schuljahr 2012/13)
Fotos und Video:  Sebastian Claudius Semler, Vorsitzender der GEV (Schuljahr 2012/13)

Zum Gelingen der Veranstaltung trug auch der Förderverein durch großzügige finanzielle Unterstützung bei.

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