Das Göttliche

Das Gedicht "Das Göttliche" von Johann Wolfgang von Goethe, erschienen im Jahr 1783, idealisiert den moralbewussten Verstand des Menschen. Die Vernunft des Menschen soll auch die Göttlichkeit der Götter ausmachen.

Es werden Dinge aufgeführt wie die Natur, Glück und Unglück, die durch willkürliches Auftreten Einfluss auf das Leben von Menschen haben. Doch der Mensch selbst kann sich seines Verstandes bedienen und Ordnung und Gerechtigkeit walten lassen. Dies soll er jedoch voll Erhabenheit und Maß tun, Motive der Klassik, die sich auch in der Form des Gedichts widerspiegeln.

Das Gedicht besteht aus 10 Strophen mit insgesamt 60 Versen. Die zuerst zu erwartende gleichmäßige Verteilung wird an zwei Stellen unterbrochen. In der 3. Strophe liegen 7 und in der 6. Strophe liegen 5 Verse vor. Des Weiteren besteht das Gedicht aus unregelmäßigen Rhythmen sowie freien Reimen. Wie typisch für die Klassik wurden die Verse kurz gehalten, was in Zusammenhang mit der idealisierten Mäßigung steht. Auch die gerade Anzahl der Strophen und die in sich gebundene Form erwecken den Eindruck der Vollendung und Ganzheitlichkeit.

Nach dieser Vollkommenheit wird zur Zeit der Klassik auch im Menschen gesucht. Ein Ausgleich von Sinnlichkeit und Sittlichkeit, also von Herz und Verstand, waltet im idealisierten Menschen. Humanität möge den Vernunftbegriff der Aufklärung und die zentralisierten Emotionen des Sturm und Drang vereinen. Wie auch die 1. Strophe einleitet, soll der ideale Mensch "edel" (V. 1) sein sowie "hilfreich und gut" (V. 2). Diese Aussage fasst die Vorstellung des vernunftbegabten und doch einfühlsamen Menschen zusammen, der sich durch diese Tugenden allein "von allen Wesen, die wir kennen" (V. 5+6) unterscheidet. Denn unser Verstand, unsere Intelligenz, aber auch unsere Selbstbeherrschung ist es, was uns menschlich macht und von den Tieren unterscheidet. Dieses aber auch soll uns, wie in Strophe 2 beschrieben, den Göttern näher bringen, jenen "höheren Wesen", die wir in der Natur glaubten (oder glauben) zu sehen. Und welchen wir versuchen zu gleichen (V. 10) und denen wir huldigen (V. 7-9).

Früher, als man noch glaubte, dass jedes Naturspektakel das Werk eines Gottes war, lebte die Natur und war voller Farben. Doch nun, zur Zeit der Wissenschaft, ist die Natur "unfühlend" (V. 13) geworden, was den Künstlern der Zeit zusetzte. Sie würden lieber göttliches Wirken in der Natur beobachten als wissenschaftliche Prozesse. Denn nun "leuchtet die Sonne" sowohl über gute als auch über böse Menschen (V. 15+16). Es ist ihr gleich, wer unter ihr wandelt. Genau wie den Sternen und dem Mond (V. 17-19). Diese bildreiche Darstellung verdeutlicht die Willkür der Natur und deutet die Gleichgültigkeit des Schicksals an. Diese Art des Bruchs im Inhalt spiegelt sich wie bereits erwähnt auch in der Form wider, da diese Strophe 7 Verse besitzt.

Auch in der 4. Strophe wird die Willkür der Natur in einer Aufzählung von Begriffen eines Unwetters dargestellt. "Wind und Ströme, Donner und Hagel" (V. 20+21) eilen vorüber und stürzen wahllos "einen um den anderen" ins Unglück. Verstärkt wird diese Tatsache durch die Personifikation der Wettererscheinungen. Im Gegensatz zu dem Unheil steht in Strophe 5 das Glück. Dieses "tappt" (V. 27) ab und zu "unter die Menge" (V. 27) und segnet die Menschen.

Jedoch unterscheidet es ebenfalls nicht zwischen gut und böse, schuldig und unschuldig (V. 28-31). Bildlich veranschaulicht wird dies durch den lockigen Knaben als Unschuld (V. 28+29) und kahlen, wahrscheinlich Alten, als Schuld. Doch trotz des großen Unterschieds von "lockig" und "kahl" (jung und alt) macht das Glück keinen Unterschied zwischen unschuldig und schuldig. Und so leben und sterben die Menschen nach Gesetzen, denen sie nichts entgegensetzen können (V. 32-36).

Diese Gesetze werden in Strophe 6 beschrieben. Sie stellen "unser[es] Dasein[s]" (V. 35) in einen Kreis (V. 36). Damit ist wahrscheinlich der Kreislauf des Lebens gemeint. Dieser wird ebenfalls nicht durch die Wahrnehmung von Gut und Böse beeinflusst, sondern folgt den "ewigen, ehrnen, großen Gesetzen" (V. 32+33). Durch die vielen Adjektive und die doppelte Alliteration wirkt die Beschreibung der Gesetze feierlich und erhaben, was sie unantastbar erscheinen lässt. Auch hier gibt es wieder eine Unterbrechung der Regelmäßigkeit. Die Strophe hat nur 5 Verse und genau dieser Bruch ist im Inhalt wiederzufinden.

Die 7. Strophe leitet eine Gegenthese zu den vorher aufgeführten Beispielen ein (V. 37+38): "Nur allein der Mensch vermag das Unmögliche […]". Hier wird der Mensch ganz eindeutig durch eine Inversion betont. Denn er kann seinen Verstand bedienen, sein Wissen und seine Erfahrung nutzen und von Moral geleitet kann er "unterscheide[n], wähle[n] und richte[n] […]" (V. 39+40). Diese drei Verben seines Könnens stellen seine Unabhängigkeit, Willensfreiheit und Selbständigkeit dar: Er kann zwischen Gut und Böse unterscheiden, wählen, was er für richtig hält, und über beides urteilen.

Dies sind wichtige Eigenschaften, die Künstler zur Zeit der Klassik den Menschen näher bringen wollten. In einer Zeit von Chaos und Gewalt, geprägt durch die Französische Revolution, sollten die Menschen durch Kunst zur Humanität, sprich zur Willensfreiheit und moralischen Selbstbestimmung erzogen werden, um durch einen Wandel der Gesellschaft einen gewaltfreien Wandel des Staates hervorzurufen. Und dazu müssten die Menschen zu vernunftbegabten Individuen erzogen werden. So sollten sie auch "dem Augenblick Dauer verleihen" (V. 41+42) können, wie in der Kunst Unsterblichkeit verliehen werden konnte, ob durch Dichtung, Musik oder Malerei. Kunst wäre der Schlüssel zur Vollkommenheit, zur Humanität, zu dem, was die "großen Gesetze" vorschreiben.

Der vernunftbegabte und auch einfühlsame Mensch allein darf Gut und Böse richten, Entscheidungen treffen und Licht ins Dunkle der Verwirrung bringen (V. 43-48).

In der Strophe 8 werden ausdrücklich positive Taten erwähnt, die der gute, schöne Mensch mit einer guten, schönen Seele vollbringen darf. Denn jegliche Missetat wäre wider die Humanität, dem Leitbegriff der klassischen Erziehung. All diese Tugenden, menschliche Tugenden, sind der Grund, warum die Götter verehrt wurden (V. 49-54). In Strophe 9 wird der direkte Vergleich gezogen zwischen Menschen und Göttern: Dass nämlich das, was Götter göttlich macht, Menschlichkeit ist.

In Bezug auf den Titel des Gedichtes "Das Göttliche" ist also die Göttlichkeit die Humanität. So muss man sich also Menschlichkeit aneignen, um seinem Streben, göttergleich zu werden, nachzukommen. Götter vollbringen nämlich genau dasselbe wie wir Menschen, nur in größerem Ausmaß (V. 52-54).

Die letzte Strophe beginnt wie die erste, jedoch hat man jetzt einen anderen Eindruck von den Worten: Die menschliche Tugend ist nicht göttlich, sondern die göttliche Tugend ist menschlich. So soll der Mensch von Tugend geleitet "unermüdet" (V. 57) "das Nützliche, rechte […]" (V. 58) schaffen, denn das macht ihn ästhetisch und zum Vorbild der Auffassung "jener geahnten Wesen" (V. 60).

Die Tatsache, dass die Götter im ganzen Gedicht nicht wortwörtlich erwähnt wurden, lässt ihre Bedeutsamkeit weniger werden und den Menschen in den Vordergrund treten. Denn um den moralbewussten Menschen geht es, den Goethe in seinen Zeitgenossen suchte.

Goethe als Klassiker war diszipliniert und hatte die Sprunghaftigkeit des Sturm und Drangs abgelegt. Er wollte die Menschen durch seine Kunst nach dem Idealbild der griechischen Antike erziehen: der Mensch als maßvolles, edles, eigenständiges und ästhetisches Geschöpf.

"Das Göttliche" erinnert an "Grenzen der Menschheit", ein Werk Goethes aus dem Jahr 1781. Nicht nur die gemäßigte, gebundene Form und der hypotaktische Aufbau, auch die Gegenüberstellung mit den Göttern - typisch für die Klassik - ist in beiden zu finden. Beide Gedichte sollten die Menschen zur Selbstbeherrschung und Eigenständigkeit erziehen. "Edle Einfalt" und "stille Größe", also Disziplin und Maß, prägten Goethes Werke nach Johann Joachim Winckelmanns Beschreibung.

Wichtig ist auch das Zusammenspiel von Gehalt und Gestalt. Sowohl Form als auch Inhalt sollten wie in diesem Fall einen Zusammenhang haben. Zu sehen ist dieser Zusammenhang in dem früheren Werk Goethes "Prometheus". Das Gedicht erschien 1774 und ist eines der berühmtesten Sturm-und-Drang-Gedichte. Es handelt von der Rebellion gegen die politisch autoritäre Tradition und der Ständeverhältnisse der damaligen Zeit. Die Rebellion gegen den bestehenden Zustand wird in dem antiken Mythos des Prometheus dargestellt und der Bruch mit der Tradition und der emotionsgeladene Aufstand spiegeln sich in der aufgelösten Form wider. Das Gedicht hat 8 Strophen mit unterschiedlich vielen und unterschiedlich langen Versen. Es gibt weder einen Rhythmus noch ein Reimschema. Die Missachtung aller Regeln lässt sich mit dem Vergehen des Prometheus in Verbindung setzen. Der Titan widersetzt sich den Göttern und fordert Zeus heraus, indem er das olympische Feuer den Menschen brachte. Bis auf die Begeisterung für antike Helden hat der Sturm und Drang jedoch kaum Gemeinsamkeiten mit der Klassik.

Die Klassik zeichnet Vernunft und Disziplin aus, wohingegen im Sturm und Drang der Gefühlsüberschwung und die Selbstüberschätzung überwiegen. So wagt es auch Prometheus Zeus, den allmächtigen Göttervater, als unerfahrenen Knaben (V.3-5) zu bezeichnen und ihm Neid des gestohlenen Feuers wegen (V. 10-12) nachzusagen. Darüber hinaus wird die Kritik am Regime deutlich (V. 15-18). Dieses müsse sich ändern, damit sich die Gesellschaft verändern kann. In der Klassik hingegen gilt, dass sich die Gesellschaft wandeln müsse, um den Staat zu ändern. Emotionalität spielt im Sturm und Drang eine große Rolle. Prometheus klagt über die ausgebliebene Hilfe der Götter und verliert in seiner Verbitterung jegliche Beherrschung und lässt seinen Gefühlen freien Lauf (V.22-37). In der Klassik wird Selbstbeherrschung und Maß angepriesen. Gefühle sollen nur kontrolliert geäußert werden. So stehen Selbstbeherrschung und Selbstbewusstsein in direktem Kontrast zu einander.

Wie schon erwähnt, wird im Sturm und Drang der Staat kritisiert und ihm jegliche Schuld zugewiesen, wie auch Prometheus den über alles stehenden Göttern die Schuld gibt (V. 38-42) und nicht einsieht, ihnen Gehorsam oder Respekt erweisen zu müssen. In der Klassik hingegen werden die Menschen dazu aufgefordert, eigenständig zu handeln und durch Toleranz etwas zu verändern. Besonders in der letzten Strophe des "Prometheus" wird die Selbstüberschatzung und die Überbetonung des Ich deutlich, indem sich Prometheus über die Götter stellt, seine Denkweise verbreiten will und somit jene stürzen möchte.

In der Klassik allerdings war das Bewusstsein der eigenen Grenzen von zentraler Bedeutung. Denn dadurch allein konnte man wahre Größe und wahre Freiheit erlangen. Auch wenn die Gedichte von ein und demselben Dichter stammen, so könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Goethe als Stürmer und Dränger hat nur wenig mit dem Klassiker gemein. Mit dem Alter kommen Disziplin und Ernsthaftigkeit ins Leben, am besten zu sehen an dem Vergleich der beiden Gedichte "Prometheus" und "Das Göttliche".

Text: Mirjam Schüller; LK Deutsch, 3. Semester (Schuljahr 2015/16)

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