Der Anschlag am Klavier

Der folgendeText wurde von einer Jury des Fachbereichs Deutsch im Rahmen des schulinternen Wettbewerbs "Schreibwerkstatt 2015" als Siegertext gewählt.

Es ist Sonntagvormittag und ich sitze am Klavier. Alles ist geordnet an seinem Platz. Die Bilder hängen gerade an der Wand. Auf dem Tisch liegt nichts mehr, denn mein Mann hat gerade die Sonntagszeitung dort weggenommen. In dieser liest er über alle Ereignisse in der Welt, die ihn doch unberührt lassen. Wir haben uns gut angezogen wie jeden Sonntag, denn das tut man sonntags so. Das Fenster ist geöffnet und ich höre die Sonntagsglocken läuten. Draußen tobt der Sturm. Er bringt Unordnung in unser geordnetes Leben, in unseren ach so geschützten Raum. Ich halte beim Klavierspielen inne und lausche den einzelnen Wortfetzen, die von der Menschenmenge vor unserem Haus zu mir herüber wehen. Ich kann kein Wort verstehen, doch manche Stimmen klingen laut und hektisch. Plötzlich dringt ein lauter Knall zu mir durch. Mein Herz setzt für einen Moment aus. Die Menschen verstummen. In der unheimlichen Stille höre ich nur das leise Rascheln der Sonntagszeitung.

Mein rechter Zeigefinger hält immer noch das C, aber der Ton ist schon verklungen. Mein Gesicht fühlt sich gelähmt an und ich drehe mich langsam zu meinem Mann. Er liest gerade den Sportteil, er liest einfach weiter. Mein Blick schweift suchend durch den Raum. Auch die Bilder hängen gerade und auf dem Tisch liegt nichts.

Plötzlich dringt durch das offene Fenster wieder der Lärm von draußen. Die Menschen schreien ängstlich durcheinander, Autos hupen und Polizeisirenen durchbrechen das friedliche Glockengeläut in der Ferne.

Meine Gedanken kreisen fieberhaft um das, was passiert sein könnte. Vielleicht ist ein Autoreifen geplatzt oder eine Dachrinne heruntergefallen. Vielleicht haben sich auch auf dem Sonntagsmarkt auf dem Marktplatz gegenüber von unserem Haus zwei Verkäufer gestritten und es eskalierte. Oder ist etwa ...

Ich spüre, wie mir ein Schweißtropfen die Stirn hinab rinnt und auf meine Hand tropft, die noch immer die C-Taste hält.

In diesem Moment dringt die Stimme meines Mannes zu mir durch: "Schatz? Schatz! Das Taxi ist da. Wir müssen gehen!". Ich nehme meinen Finger von der C-Taste, stehe langsam auf, streiche mein rotes Kleid glatt, wobei meine schweißnassen Hände dunkle Flecken auf dem Stoff hinterlassen. Ich drehe mich, hoffentlich mit einem Lächeln, zu ihm um. Im Hinausgehen frage ich mich, ist das gerade wirklich passiert?

Text: Marie E. Helten, Klasse 9b (Schuljahr 2015/16)

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